»Herzmalerei«: Ein Gespräch zum Roman

Syma Schneider

»Was wäre, wenn sich zwei Seelen in vergangenen Leben so sehr geliebt haben, dass sie einander immer wieder suchen?«

Um diese eine große Frage dreht sich Sylvia und Marcel (Syma) Schneiders Debütroman »Herzmalerei«, der diese Woche im BUCHER Verlag erscheint.
Andrea Ballschuh ist Moderatorin im ZDF, mdr, hr und SWR1 und hat erfolgreich Bücher zu den Themen Ernährung und Gärtnern geschrieben. Mit Begeisterung hat sie »Herzmalerei« gelesen und mit den Autoren gesprochen.

Andrea Ballschuh: Sylvia und Marcel, möchtet ihr uns verraten, wie es zu »Herzmalerei« kam?

Sylvia: Jeder von uns hatte immer schon den Wunsch, einen Roman zu schreiben. Wir haben oft darüber geredet und Ideen in einen Topf geworfen. Bröckchenweise seit 2011. Die ersten Zeilen haben wir Anfang 2016 geschrieben. Aber letztendlich fehlte uns die Zeit. Doch dann haben wir unser Leben umgekrempelt, um dieses Projekt realisieren zu können.

Andrea Ballschuh: Was heißt umgekrempelt?

Marcel: Wir haben die Prioritäten anders gesetzt. An erster Stelle sollte jetzt die Verwirklichung unseres Traumes stehen. Das war alles nicht so einfach, aber wir haben uns mehr oder weniger für ein Jahr freigeschaufelt. Wir sind nach Mallorca ausgewandert, an einen ziemlich verlassenen und romantischen Ort. Wegen der perfekten Umgebung für Inspirationen und Fantasien.

Andrea Ballschuh: Dann wart ihr also auf Mallorca mit einem Topf voller Ideen.

Sylvia: Ja, getrieben von Euphorie und Tatendrang. Auf Mallorca haben wir lange Spaziergänge am Meer unternommen und dabei Stück für Stück die Geschichte kreiert. Teilweise unter angsteinflößenden Umständen, als uns Möwen attackierten, um ihre Eier zu beschützen.

Marcel: Wir haben viel gelacht. Aber keiner hat uns vorgewarnt, was für eine Arbeit auf uns zukommen würde. Täglich haben wir Teile niedergeschrieben, sodass uns am Abend oft die Köpfe glühten und die Hände schmerzten. Da halfen dann meist nur noch ein Glas Rotwein und Tapas.

Andrea Ballschuh (lacht): Und wie dürfen wir uns das vorstellen: Habt ihr beide geschrieben? Das war sicher nicht einfach.

Sylvia: Die Rollenverteilung war schnell klar. Marcel war »the Brain« und hat die Storyline konzipiert, und ich war »the Hand« und habe die Gedanken in schöne Worte gefasst. Wobei Marcel letztendlich auch einige Kapitel geschrieben hat.

Marcel: Und Sylvia hatte auch viele geniale Geistesblitze.

Andrea Ballschuh: Und euer Tatendrang hat während der ganzen Zeit nie nachgelassen?

Marcel: Oh doch. Nach drei Monaten hatten wir ein Tief: Als wir zu dem Schluss kamen, dass Zenia einen anderen Beruf haben sollte. In der Urversion war sie Ghostwriterin für Menschen, die unfähig sind, ihre eigenen Gefühle auszudrücken. Doch dann war uns die Vorstellung zu kalt und viel zu düster, dass ein großer Teil der Gesellschaft emotionslos ist. Daher haben wir sowohl die Gesellschaftsstruktur als auch Zenias Beruf verändert. Damit war aber auch die schmerzliche Tatsache verbunden, dass wir auf einen Schlag circa 100 Seiten löschen mussten.

Sylvia: Eine Arbeit von ach wer weiß wie vielen unzähligen Tagen einfach mal kurzerhand löschen. Ich hatte deprimierende Gedanken: Vielleicht war das doch keine so gute Idee mit dem Roman und wir sollten wieder zum Alltag zurückfinden. Wie es das Schicksal so wollte, haben wir genau zu der Zeit ein Interview mit einem Bestseller-Autor gelesen. Er meinte, dass es dazugehöre, dass man immer wieder zig Seiten über Bord wirft und von Neuem beginnt, bis es für einen perfekt passt. Interessanterweise hat das bei uns wieder einen Motivationsschub ausgelöst.

Andrea Ballschuh: Habt ihr euch nie von der schönen Insel ablenken lassen?

Marcel: Doch. Anfänglich schon. In der ersten Zeit haben wir noch zahlreiche Ausflüge gemacht. Dann kam es zu einem Zwischenfall: Beim Tennis hat sich Sylvia den Fuß so schlimm umgeknickt, dass sie mehrere Wochen ans Bett gefesselt war. Ihr blieb wohl nichts anderes übrig, als zu schreiben. In dieser Zeit haben wir von morgens um 8 Uhr bis abends um 22 Uhr am Roman gearbeitet.

Sylvia: Ja, dabei ist der Hauptteil entstanden. Selten haben wir einen so tiefen Sinn in einem Sportunfall gesehen. (lacht)

Andrea Ballschuh: Und nach dem Jahr Mallorca war der Roman fertig?

Marcel: Das dachten wir, ja. Das war Ende 2017. Aber wir hatten uns so was von getäuscht, denn viele Verwandte, Freunde und Bekannte haben den Roman danach probegelesen und uns Massen an Feedback gegeben, dass wir mit den Ohren geschlackert haben.

Sylvia: Viel Lob, aber auch viel konstruktive Kritik war darunter. Teilweise tat das sehr weh, aber am Ende hat das unser Buch bereichert. Wir mussten vieles einbauen, umbauen und neu bauen.

Andrea Ballschuh: Dann war der Roman aber fertig?

Marcel: Natürlich immer noch nicht. Wir haben ihn uns dann mindestens fünfzehn Mal von einer Stimme in unserem Computer vorlesen lassen. Jedes Mal dachten wir, es sei die letzte Runde. Aber stets kamen uns neue Gedanken, die wir noch unbedingt einbringen mussten. So konnten wir den Roman dann endlich (Frühling 2019) ins Lektorat geben, um ihn finalisieren zu lassen.

Andrea Ballschuh: Was für ein Aufwand! Dann habt ihr mehr als drei Jahre gebraucht – von der ersten Zeile bis hin zum fertigen Werk. Was war eigentlich das Schwierigste beim Schreiben?

Sylvia: Einen Gedanken so zu formulieren, wie er im Kopf geboren wurde. Hört sich komisch an, ist es auch. Gefühlt haben wir an jedem Satz zehnmal geschraubt und gefeilt.

Andrea Ballschuh: Ihr sprecht sehr viele Themen im Roman an. Zum Beispiel künstliche Intelligenz, Klimakatastrophe, das Leben in der Zukunft und Rückführungen.

Marcel: Wir haben uns natürlich über Zukunftsforschung und all diese Themen schlau gemacht, aber das meiste ist in unserer Fantasie entstanden. Die Story ist frei erfunden.

Andrea Ballschuh: Wie sehr seid ihr mit euren Romanfiguren verbunden?

Sylvia: Wir haben wirklich nachts von Zenia und Nael geträumt. Sie sind fast zu Familienmitgliedern geworden. Das ging so weit, dass wir Wörter unserer Darsteller selbst in unsere Alltagssprache übernommen haben. »Jo, Digger, was geht ab?«

Marcel (lacht): Haben wir anfangs von den Figuren geträumt, sind wir am Ende des Schaffensprozesses dann nur noch mit Kommaregeln eingeschlafen und mit Frage- und Ausrufezeichen am nächsten Morgen erwacht.

Andrea Ballschuh: Habt ihr eine Lieblingsfigur?

Sylvia: Oh, schwierige Frage. Ich bin eine Frau und habe mich natürlich in Nael verknallt.

Marcel: Hey?!

Sylvia (grinst): Natürlich nur fiktiv. Nael ist so lieb, so verletzlich und so attraktiv.

Marcel: Ich finde Amrex genial. Sie ist clever, großzügig und witzig. Dann dieser Spleen mit den Fremdwörtern. Vor allem ist sie immer für ihre beste Freundin da.

Andrea Ballschuh: Warum spielt der Roman in München?

Marcel: Es gibt so viele tolle Städte auf dieser Welt. Aber wir mussten uns für eine entscheiden. Die Geschichte hätte in jeder anderen Großstadt spielen können. Schlussendlich war ausschlaggebend, dass wir in München leben und uns hier kennengelernt haben. Wir lieben diese Stadt! Oft sind wir durch die Straßen gelaufen und haben uns vorgestellt, wie sich München in Zukunft entwickeln könnte.

Andrea Ballschuh: Ich muss gestehen, dass ich es genial finde, wie ihr die Gratwanderung hinbekommen habt. Ihr erschafft eine Zukunft ohne befremdliche Science-Fiction-Elemente.

Sylvia: Uns war wichtig, dass sich die Leser weiterhin wie zu Hause fühlen und nicht wie in einer fremden Welt. Viele Probeleser fanden die Vorstellung, dort zu leben, sogar praktisch: »Ich will auch so einen BRO haben« oder »Ich muss nie wieder einkaufen und Staub wischen«. Übrigens glauben wir auch daran, dass die Zukunft so in etwa sein wird.

Marcel: Ja, andererseits ist das Szenario schon heftig, dass man die Wahl zwischen Gott- und System-Babys hat. Und künstliche Intelligenz ist auch nicht nur eine Chance, sondern kann schnell einmal in die falsche Richtung gehen.

Andrea Ballschuh: Ich liebe euren Buchumschlag. Er geht ans Herz und ist so persönlich.

Sylvia: Marcel fing eines Morgens plötzlich an zu malen. Ich war sofort hin und weg von seiner Idee. Aber bis es ein perfektes Cover in digitaler Form war, hat es Wochen gebraucht. Marcel hat manchmal Tage und Nächte vorm Computer gesessen und kleinste Pixel retuschiert.

Andrea Ballschuh: Im Frühling 2017 habt ihr beide auf Mallorca geheiratet. Haben sich eure Seelen bereits in vorigen Leben getroffen und in diesem nun wiedergefunden?

Sylvia und Marcel schauen sich verliebt an: Oh ja.

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