»Plötzlich realisierte ich, dass der Song Parallelen zu meinem Text hatte ...«

Jona Ostfeld

Aufgewachsen in Israel, Holland und der Schweiz, arbeitete Jona Ostfeld als Regieassistent, Dramaturg und Sekundarlehrer. Heute lebt er in Ennetbaden im Kanton Aargau und veröffentlichte 2008 seinen Debutroman »Der Seidenlaubenvogel«. Sein zweiter Roman »Nenn mich nicht Grossmutter« erscheint im Herbst 2019 im BUCHER Verlag.

Wir haben uns mit Jona Ostfeld über seinen neuen Roman unterhalten, über seine persönlichen Lieblingsbücher und darüber, warum Antisemitismus nach wie vor ein Thema ist, über das man schreiben muss.

 

Wie ist die Idee zu »Nenn mich nicht Grossmutter« entstanden?

Ich wollte eigentlich einen Roman über eine jüngere und eine ältere Person schreiben, die zufällig in einem Krankenhaus im selben Zimmer liegen und sich dann Geschichten aus ihrem Leben erzählen. Aber dann merkte ich, dass diese Umgebung recht belastend sein kann und ich nach ca. sechzig Seiten Text nicht weiterkam. Ich löschte den Text und machte mich auf die Suche nach einer anderen »Kulisse«, eine, die ich besser kenne, und kam bald auf die Stichworte Internat und Theater. Kurze Zeit später fiel mir ein Satz ein, den meine Mutter mal beiläufig geäussert hatte: »Ich will so lange leben, bis ich den letzten ›Harry Potter‹-Band gelesen habe.« Alles Weitere hat sich dann ergeben, vor allem, als ich den ersten Satz geschrieben hatte: »Aaron Goldstein war kein Jude.«

Wichtig war mir, wie bei allen Texten, die ich schreibe, dass ich sehr viel offenlasse. So gebe ich kaum Beschreibungen zu Personen und Orten an, und einige Szenen (ich vermeide das Wort »Kapitel« bewusst) können auch sehr kurz werden. Ich hoffe aber, dass die Leserin/der Leser viel Raum hat, sich selber Bilder zu machen und Schlüsse zu ziehen.

Als ich wieder etwa siebzig Seiten geschrieben hatte, schickte ich den Text ans Aargauer Kuratorium und erhielt dafür einen »Beitrag zum künstlerischen Schaffen«. Diese Anerkennung des Projektes gab mir den Auftrieb, mit dem Text fortzufahren.

 

Ohne zu viel von der Handlung vorwegzunehmen: Worum geht es in deinem Roman?

Es ist die Geschichte der Beziehung zwischen einer Grossmutter und ihrem Enkel. Annie, die schrullig und verschlossen wirkende alte Frau, ist anfänglich gar nicht erfreut, dass sich jetzt sporadisch eine weitere Person in ihrem Haushalt aufhält. Aaron hat auch seine Ängste und Vorurteile gegenüber seiner Grossmutter. Aber es bleibt ihm nichts anderes übrig, als während den Internatsferien bei Annie zu wohnen, da seine Mutter als Schauspielerin keine Zeit für ihn hat. Die anfänglich harzige Beziehung zwischen Grossmutter und Enkel ändert sich aber bald und entwickelt sich zu einer tiefen Freundschaft.

Wegen seines jüdisch klingenden Namens hat Aaron, obwohl er selbst nicht jüdisch ist, immer wieder Probleme mit antisemitischen Äusserungen und Taten. Von seiner Grossmutter unterstützt, lernt er aber immer mehr, mit seinem Aussenseitertum umzugehen. Im Internat freundet sich Aaron auch mit einer jüdischen Mitschülerin an und merkt schnell, dass diese besser darauf vorbereitet wurde, mit Antisemitismus umzugehen.
Während der Entstehung des Romans gab es eine Phase, in der ich nicht sicher war, ob das Thema Antisemitismus noch aktuell ist und überhaupt noch interessiert. Leider haben aber die letzten Monate gezeigt, dass dem durchaus noch so ist und wir wieder vermehrt von antisemitischen Vorfällen erfahren müssen.

 

Viele Bücher und Songs nehmen in »Nenn mich nicht Grossmutter« eine wichtige Rolle ein. Kannst du ein bisschen erklären, wie du diese Titel ausgesucht hast und wie ihre Bedeutung zustande gekommen ist?

Ich habe einen Teil von »Nenn mich nicht Grossmutter« im Literaturhaus in Lenzburg geschrieben. Auf der Fahrt dorthin hörte ich im Auto einmal den Oldie »I Am a Rock« von Simon & Garfunkel. Ich kannte den Song schon seit Jahrzehnten, aber plötzlich realisierte ich, dass eine der Strophen Parallelen zu meinem Text hatte.
Meine Mutter war ausserdem ein grosser Fan von »Harry Potter«. Die anderen erwähnten Bücher haben mich, meine Familie und meine Generation begleitet. Dem Dürrenmatt-Buch bin ich während der Zeit begegnet, als ich in Dürrenmatts Bibliothek schreiben durfte. Aber wie bei fast allem, was ich schreibe, ist es auch hier so, dass mir die Titel erst dann einfallen, wenn ich mitten im Satz bin.

 

Wer sind deine eigenen LieblingsautorInnen, was deine Lieblingsbücher?

Früher natürlich Hermann Hesse, Thomas Mann, Isaac Singer, Jack Kerouac. Heute schätze ich besonders Martin Suter, Robert Seethaler und Wolf Haas. Zu meinen Lieblingsbüchern gehören auf jeden Fall »Small World« von Martin Suter und »Der Trafikant« von Robert Seethaler oder auch »Am Hang« von Markus Werner und »Melnitz« von Charles Lewinsky. Manchmal liest man auch ein Buch und denkt: »Das hätte ich gerne selbst geschrieben.« So ging es mir zum Beispiel kürzlich bei »Junger Mann« von Wolf Haas.
Während ich an einem Text arbeite, vermeide ich es allerdings, Bücher zu lesen, die ein ähnliches Thema anschneiden, wie ich das gerade tue.

 

Wie bist du eigentlich zum Schreiben gekommen?

Im Gymnasium hatte ich in Mathematik und Physik oft sehr schlechte Noten und die musste ich mit den Sprach-Noten, vor allem mit guten Deutsch-Noten, kompensieren. So entstanden ganz akzeptable Texte.
Später schrieb ich einige Jugendtheaterstücke und Glossen, die vielen Spass machten. Ich konnte so auch den immer wieder mal auftretenden Frust zu Schulthemen abbauen, und es war auch eine gute Abwechslung im alltäglichen Schulbetrieb. Dann wagte ich mich auch an längere Texte, zuerst Erzählungen, und dann entstand der erste Episodenroman »Der Seidenlaubenvogel«.

 

Wie kann man sich deinen Schreibprozess vorstellen?

Der kann sehr unterschiedlich sein. Bin ich unter Zeitdruck, kann sehr viel in kurzer Zeit entstehen, manchmal liegt ein Projekt auch jahrelang auf dem Schreibtisch, bis es beendet wird. Oft steht bei mir ein einziger Satz am Anfang eines Buches, der mich zwar einerseits motiviert, manchmal auch etwas einengt, was den weiteren Verlauf der Handlung betrifft.
Ich arbeite aber praktisch ohne Notizen und schreibe den Text oft »aus dem Bauch heraus« immer direkt in mein Mac-Book. Während meiner Tätigkeit als Lehrer habe ich mich neben dem Schulbetrieb nie an ein grösseres Projekt gewagt, sondern nur in Auszeiten oder mal in den Ferien. Jetzt bin ich freier, aber ich muss mir fixe Schreibzeiten und einen Ort vorgeben, wo ich mich konzentrieren kann, sonst wird das nichts. Oft gehe ich in die Bibliothek und halte »Bürozeiten« ein. Dort werfe ich dann bildlich gesprochen wahre und erfundene Begebenheiten, Personen und Ideen in einen »Mixer«, stelle an und hoffe, dass daraus ein lesenswerter Text entsteht.

 

Was war dir bei der Verlagssuche wichtig?

Der BUCHER Verlag wurde mir von Urs Heinz Aerni empfohlen. Ich kenne Urs schon lange und er ist einer der besten Kenner der Bücherbranche in der Schweiz. Er meinte, das sei genau der Verlag, den ich suche. Und ich bin ihm für diesen Tipp wirklich dankbar. Schnell merkte ich, dass in diesem Verlag noch mit viel Herzblut gearbeitet wird und wunderbare Bücher herausgegeben werden. Deshalb freut es mich immer noch sehr, dass man beim BUCHER Verlag bereit war, mein Manuskript als Buch herauszugeben. Natürlich ist es aber auch wichtig, dass der Verlag in der Schweiz einen Vertrieb hat.

 

Hast du schon Pläne für zukünftige Projekte?

In Arbeit habe ich die Fortsetzung vom »Seidenlaubenvogel«, der Arbeitstitel wäre »Der Seidenlaubenvogel fliegt wieder«. Dann würde ich wieder gerne regelmässig Glossen und Kolumnen veröffentlichen und es würde mich auch reizen, eine Sammlung von Texten zum Thema Schule und Erziehung herauszugeben. Vielleicht wäre auch eine Bearbeitung und Neuauflage meiner vier Jugendtheaterstücke ein interessantes Projekt. Und dann hoffe ich natürlich, dass ich mal wieder einem Thema über den Weg laufe, das mich zum Schreiben eines längeren Textes animiert ...

 

Jona Ostfelds neuer Roman »Nenn mich nicht Grossmutter« erscheint im Herbst 2019 im BUCHER Verlag.

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